Der Mensch ist ein Herdentier und wir sind eine Autoherde.

In den letzten Jahren rückt die soziale Komponente als wesentlicher Einflussfaktor für menschliches Verhalten verstärkt in den Vordergrund der Verhaltensforschung. Auch im sogenannten Westen, der im Vergleich zum Fernen Osten traditional durch eine sehr stark individualpsychologische Sicht geprägt ist, setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir in einem sozialen Kontext agieren und wesentlich durch das Verhalten unserer Mitmenschen geprägt sind. Wir machen mit, wir ahmen nach, wir schwimmen mit, wir kupfern ab.

Das zeigt sich sehr prägnant im konkreten Verhalten in der Gruppe: Nehmen wir das Phänomen LaOla –Welle, in der begeistert ein ganzes Stadion in Wellen aufspringt. Dann sitzen zu bleiben, will man nicht, aber wäre durch den sozialen Druck auch häufig gar nicht möglich, will man nicht als absoluter Außenseiter dasitzen.

Das zeigt sich aber im übrigen Verhalten, auch losgelöst von der Gruppensituation, z.B. wenn wir uns die Gestaltung von Reihenvorgärten betrachten, in der es – bis auf wenige Ausnahmen – meist allgemein gültige Gestaltungsmerkmale in einem bestimmten Viertel gibt.

In diesem sozialen Kontext ist der Mensch ein Autotier. Ganze Vororte setzen sich morgens ins Auto, um damit – meist alleine – zur Arbeitsstätte zu pendeln. Es ist normal, es ist akzeptiert. Gründe nicht ins Auto zu steigen, sind häufig monetär bedingt und damit als Motiv abgewertet – „Kann es sich nicht leisten“.

Der Autofahrer ist in der Mitte der Gesellschaft, da wollen wir alle hin, wir wollen kuscheln, wir wollen uns austauschen, wir wollen dabei sein. Hat der Autofahrer dann noch ein tolles, teures, nobles Auto steigt er in der sozialen Hierarchie nach oben, noch besser.

Der Nur-Radfahrer steht demgegenüber am Rande der Gesellschaft, nicht vollkommen geächtet, aber auch nicht für voll genommen. Oder vielleicht sogar Rad-Rowdy.

Das muss sich ändern! Der Radfahrer muss (in der Stadt, im Dorft) der sozial akzeptierte Normalfall werden – charmant, hipp, schnell, flexibel, unkompliziert, zukunftsorientiert, geliebt, akzeptiert – mit Platz, auf direkten  Strecken.

Veloruzzer auf die Straße!

Und Kinder! Und Pendler! Und Einkäufer! Und Anzugträger! Und die Hippen! Und die,  die sich dafür halten! Und Politiker! Und die, die sich dafür halten!

Aus dem Alltag eines Rad-Rambos

(Eine kurze Alltagsbetrachtung aus Anlass des SPON-Artikels vom 24.11.11 „Nahkampfzone Straßenverkehr: Rad-Rambos blasen zur Auto-Hatz“)

Jeden Tag werde ich zum Rad-Rambo.

Mein Weg zur Arbeit führt mich auf eine schmale, innerstädtische Tempo30-Straße. Auch Autos können hier nicht in beide Richtungen aneinander vorbei, sondern müssen in die wenigen Parklücken hineinfahren, um dem anderen Auto die Vorfahrt zu lassen. Das klappt mit Ach und Krach. Oft klappt es nicht und zwei Autos stehen sich wie im Duell gegenüber, bis das eine klein beigibt und in eine Lücke zurücksetzt. Manchmal fährt ein Auto auch einfach auf den Bürgersteig und schafft so Raum für  das andere.  Warum auch nicht?

Einen Fahrradweg gibt es für diese Verkehrsader nicht.  Auf der einen Seite ein schmaler Bürgersteig, auf der anderen Seite ein Gehweg mit dem Hinweis Radfahrer frei. Diesen Gehweg nehme ich morgens, er liegt dann rechts in meine Fahrrichtung. Abends fahre ich auf der Fahrbahn – ich will den für Radfahrer frei gebenen Gehweg nicht in der falschen Richtung befahren, außerdem erspare ich mir ein zweimaliges, unnötiges Kreuzen der Fahrbahn.

Und genau damit werde ich zum Rad-Rambo, zumindest in den Augen der meisten Autofahrer, da ich ja ihre schmale Straße besetze.  Sie jagen  mich, fahren dicht auf, überholen mich ohne irgendeinen Abstand zu halten. Gerne werde ich dann auch angehupt und auch Beleidigungen sind mir schon hinterher gerufen worden. Meine (zugegeben seltenen) Erklärungsversuche, dass ich hier fahren darf, eigentlich muss, waren wenig erfolgreich.

Der wirkliche Rad-Rambo bin ich natürlich morgens, wenn ich den Gehweg mit Fahrradfreigabe benutze. Denn Schritttempo fahr ich da nicht.

Die anderen Radfahrer zwischen 8 und 88, die dort natürlich auch kein Schritttempo fahren, wissen wahrscheinlich nicht mal, dass sie Rad-Rambos sind.

Kinder im Verkehr

Mütter und Väter, zumindest die meisten, lieben ihre Kinder, sie würden geradezu alles für sie tun. Gerade bei den Kleinen zwischen 0 und sagen wir mal 10 Jahren ist der Beschützerinstinkt der Eltern häufig extrem ausgeprägt. Ich denke praktisch alle Eltern kennen das flaue Gefühl, wenn ihre Kleine oder Ihr Kleiner sich das erste Mal alleine in einem Klettergerüst ganz nach oben traut. Da fällt es vielen schwer, die Kleinen nicht runterzurufen, oder zur Vorsicht zu ermahnen oder vielleicht als Sicherung mit hoch zu klettern.

Doch dieses Behüten beschränkt sich keineswegs auf diese „Extremsituationen“, sondern berührt eigentlich alle Lebenswelten des Kindes. Es wird zum Kindergarten, zur Schule gebracht, später am Nachmittag zu den Musikschul- oder Sportstunden oder zu den Freunden gefahren. Solche „Helikoptereltern“ lassen ihre Kinder ungern alleine und versuchen sie auf allen Wegen zu beschützen.

Den größtmöglichen Schutz für das Kind bietet dabei natürlich das Auto. Gesichert per Gurt und Kindersitz wird das Kind in der Familienkutsche durch seinen Stadtteil oder sein Dorf von links nach rechts kutschiert. Das ist natürlich purer Stress für die Mütter (natürlich auch manche Väter) , denen das natürlich auch schon mal anzusehen ist. Schau ruhig mal in diese Wagen und schau dir die Mutter am Steuer und Kind dahinter an, der Wagen häufig noch mit einem halb-ironischen „Mama-Taxi“-Aufkleber  beklebt.

Die Krönung des Stresses ist natürlich der frühe Morgen, wenn die lieben Kleinen zur Schule gefahren werden. Man kämpft sich durch den Berufspendlerverkehr, findet vor der Schule keinen Parkplatz, schließlich sind vor der Schule ja noch genug andere Eltern, die ihre Kleinen wegbringen wollen. Man kurvt vor und zurück, dreht, kommt mit den Rädern schon mal auf den Bürgersteig.

Und dann gibt es sogar noch Kinder, die tatsächlich zu Fuß zur Schule gehen wollen und sich leider sich noch gar nicht wie routinierte Verkehrsteilnehmer bewegen. Die Kinder stehen dann schon mal am Bürgersteig und die Autofahrer wissen nicht, gehen sie nun, oder gehen sie nicht. Da gibt man als Autofahrer Handzeichen, um die Kleinen rüberzulassen, aber die reagieren einfach nicht und bleiben stehen. Dann fährt man los und genau in dem Moment setzt sich der Kindertross in Bewegung, um die Straße zu überqueren. Nein, in diesen morgendlichen Wahnsinn kann man sein Kind wohl kaum guten Gewissens hineinlassen, also lieber mit dem Auto bringen.

Natürlich gibt es auch Erwachsene, die das anders sehen und in den Elternkutschen das eigentliche Problem erkennen. Manche Schulen oder Kindergärten mahnen auch immer wieder eindringlich, diese Praxis, Kinder mit dem Auto vor zu fahren, sein zu lassen, doch leider fruchtet das häufig wenig, was ein deutliches Zeichen für die Autohörigkeit unserer Gesellschaft ist. Obwohl doch offensichtlich die schwächsten Teilnehmer am Straßenverkehr – kleine Kinder – erheblich gefährdet werden, lassen wir es zu, dass sie jeden Tag um ihr Leben laufen.

Sinnvoll wäre hier eine gesellschaftliche Ächtung und das würde in dem doch eher privaten und vertrauten Umfeld von Kindergärten und Schulen eigentlich gut funktionieren. Wäre die Elternschaft in der Mehrheit der Meinung, dass das Bringen mit dem Auto asozial ist, hätte sich dieses Problem schnell erledigt.

Falls sie dies tun wollen, empfehlen ich ihnen aber damit vorsichtig anzufangen, denn ansonsten sind sie wohl erst mal der Ökospinner und raus aus der Gruppe. Solche Prozesse entwickeln sich eher evolutionär, aber man sollte damit anfangen.

Oder nicht?

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BLECH zu kaufen

„Der tägliche Kampf zwischen Radlern und Autofahrern wird härter“ schrieb letzte Woche noch DER SPIEGEL in seiner Titelgeschichte. Dabei wird munter in alle Richtungen rumgewatscht und auf aggressive Radfahrer, gestrige Autofahrer und Stadtplaner gleichermaßen eingedroschen.

Diese Woche ist noch IAA in Frankfurt, auf der man von neuen Absatzrekorden schwärmt – und an die Folgen für Mensch und Umwelt eher weniger denken mag.

Aber diese Woche ist auch European Mobility Week mit dem heutigen Autofreien Tag als Höhepunkt. Wie nicht mitbekommen? Tja, auch gar nicht so einfach, denn die Anzahl der teilnehmenden deutschen Städte ist überschaubar und die Anzahl der Aktionen pro Stadt ebenso.

Deswegen jetzt mal ACHTUNG:

Passend zum Spiegel-Artikel, zum IAA-Finale und zur European Mobility Week ist BLECH ab sofort erhältlich.

In BLECH geht es um nichts weniger als Mord, verbotene Liebe, skurrile Typen, den Untergang der Welt, Fahrrädern und der Deutschen (noch)  liebstes Kind, das Auto.

BLECH präsentiert den Wahnsinn auf unseren Straße und die Schizophrenie in unseren Köpfen in einer wilden Mischung: fesselnd, humorvoll, ökokorrekt.

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BLECH von Bert van Radau

Roman, 186 Seiten

ISBN: 978-3-86991-367-4

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Unanständiges Fortbewegungsverhalten wird in unserer Gesellschaft belohnt und damit verstärkt

Menschliches Verhalten ist wie das Verhalten von allen Lebewesen sehr stark durch Belohnungsmechanismen bestimmt: Bekomme ich etwas Positives für mein Verhalten, werde ich es eher noch einmal machen, als wenn ich nichts dafür bekomme.

Da gibt es zunächst einen ganz archaischen Verstärker für unanständiges Verhalten. Mit dem Auto  komme ich ohne großen Kraftaufwand irgendwo hin. Das mag für unsere heutige modernen Körper irrelevant erscheinen, schließlich haben wir genug Körperfett, um jederzeit locker einen Marathon zu schaffen, doch unsere alten Gehirnstrukturen finden es erst mal super, nichts zu investieren. Die Belohnung, die ich vielleicht empfinde, wenn ich von der Arbeit mit dem Fahrrad nach Hause gefahren bin, ist vielleicht von höherem Wert, aber das interessiert diesen Teil des Steinzeitgehirns erst mal weniger.

Eine weitere Belohnung für unanständige Bewegung im Auto gibt es von unserem inneren Schweinehund. Komm ins Auto winselt er, hier ist es schön warm, es ist nicht nass und bequemer ist es sowieso.

Eine weitere ganz wichtige Belohung für unanständiges Verhalten ist dann aber auch noch sozial geprägt. In unserer modernen Gesellschaft gilt Auto fahren als wichtig, als lebenstüchtig, als toll, in den richtigen Autos sowieso. Wer einen BMW oder Mercedes oder Porsche fährt, ist etwas, ebenso wie jemand, der es sich leisten kann mal eben für ein Wochenende nach Mallorca oder in die Karibik zu fliegen.

Die gesellschaftliche Anerkennung eines Fahrradpendlers zur Arbeit ist demgegenüber jedoch meist eher verhalten und er pendelt in der Wahrnehmung irgendwo zwischen (weltfremder) Idealist und Spinner. Er erhält somit alles andere als eine soziale Belohnung.

Stattdessen wird der Fahrradpendler unablässig bestraft – durch holprige Fahrradwege,  unnötige Umwege der Fahrradstreifen, Druckampeln … – und durch Autopanzer bedroht.

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Velohelden braucht das Land!

Der Mensch sucht Vorbilder. Dies gilt für alle Ebenen des menschlichen Lebens und damit natürlich auch für die Mobilität.

Schauen wir uns die Vorbilder der Mobilität an, so zeigt sich in Deutschland leider ein erschreckendes Bild.

Wenn wir an menschliche Vorbilder für Auto-Mobilität denken, fallen uns allen wahrscheinlich Michael Schumacher und Sebastian Vettel ein, deren Sport darin besteht, möglichst schnell unter extremer Benzinverschwendung und Lärmemission um Kurven zu fahren. Dieser sogenannte Formel1-Zirkus erfreut sich in Deutschland extremer Popularität, die Renn-Übertragungen sind Straßenfeger und die Nachberichterstattung in Print und Online ist massiv. Schumacher und Vettel sind zweifelsohne Helden in Deutschland und genießen hohes Ansehen auch über den reinen Sportaspekt hinaus.

Aber auch von vielen anderen Promis wissen wir, dass sie ihrer Autoleidenschaft frönen – Christiano Ronaldo, der allerdings seinen Ferrari etwas unsachgerecht zerlegte, Smudo, der sich nun für umweltfreundliche (!?) Autorennen einsetzt, ein Robbie Williams, der zwar gar keinen Führerschein besitzt, dafür aber mehrere Luxusautos, Franjo Pooth, der mit einem Hummer in die Pleite  schwamm, Michael Wendler, der sich gerne mit teuren Autos zeigt, Leonardo diCaprio, der stolzer erster Besitzer des 408 Elektro-PS starken Fisker Karma ist , ein Hybrid-Plug-In, der nur 2,4 l auf 100 Kilometer verbrauchen soll  u.v.v.m.

Für das Radfahren fällt uns demgegenüber weniger ein.  Vor ein paar Jahren wären viele vielleicht noch auf Jan Ullrich und Erik Zabel gekommen, doch mit ihrer Nähe zum Doping-Sumpf haben sie sicherlich auch dem Radfahren als Sportart geschadet und damit dem Ansehen des Fahrrads insgesamt. Dass Radfahrer auch noch Betrüger sein sollen, passt doch prima in die häufig anzutreffende Meinung, dass viele Radfahrer sowieso nur Rowdies sind, die die Verkehrsregeln missachten und über rote Ampeln und Bürgersteige fahren.

Fast schon verzweifelt versucht man das Image des Fahrrads als Fortbewegungsmittel zu heben, indem z.B. die Fahrradfreundlichste Persönlichkeit des Jahres gekürt wird. Dies war in den zurückliegenden Jahren Jürgen Trittin oder Klaus Töpfer und ist aktuell Wolke Hegenbarth, doch verbindet man eine dieser Persönlichkeiten wirklich mit Fahrrad fahren? Und selbst wenn, habt ihr vorher schon einmal von diesem Titel gehört? In Spiegel, Focus, Stern, FitforFun oder MensHealth, Brigitte, Vanity Fair oder Playboy, Bild, FAZ oder taz war davon, soweit ich weiß, nichts zu lesen.  Der Titel „Fahrradfreundlichste Persönlichkeit“ scheint noch 5 Stufen unter dem Titel „Krawattenmann des Jahres“ zu rangieren.  (Na, wer ist das aktuell? Claus Kleber! Stimmt der trägt Krawatte! Fährt er auch Fahrrad? Man weiß es nicht.)

Fahrrad fahren ist immer noch in der Nische und knabbert an einem mäßigen Renomée. (Auch wenn gut meinende Berichte manchmal einen anderen Eindruck erwecken wollen.)

Kannst du dich an Werbung für Fahrradmarken erinnern, welche Fahrradmarken kennst du, mit denen man wirklich ein konkretes Image verbindet?

Automarken stehen ganz anders da. Schaut man sich ein Champions League-Spiel an, wird man mit Autowerbung zugedröhnt. Für jede Automarke –  sei es Mercedes, BMW, Audi, VW bis zu Opel, Ford, Toyota, Skoda und Citroen, Peugeot, Renault, Nissan, Suzuki, Porsche, Smart, Lada, Volvo, Saab, Ferrari, Fiat – können wir recht konkret das Image beschreiben, haben eine Vorstellung davon wie die Käufer der jeweiligen Marken aussehen.

Bei Fahrrädern dürfte es der Mehrheit schwer fallen überhaupt 5 Marken zu nennen, von einem konkreten Image ganz zu schweigen. Will man TV-Werbung für Fahrräder sehen, muss man lange suchen bzw. auf die Tour de France-Übetragung auf Eurosport warten.

Was ich sagen will, Autos sind Teil unseres Lebens und unseres Selbstverständnisses, wir definieren uns über die Autos, die wir fahren und die wir uns leisten können.

Fahrräder sind demgegenüber für viele kaum mehr als ein Freizeitgerät, das im Alltag nur von einer Minderheit benutzt wird. Wenn man das ändern will, muss man das Image des Fahrrads und des Fahrradfahrens ändern. Anständige Bewegung muss positiv aufgeladen werden, muss cool werden!

Velohelden braucht das Land. Typen, mit denen sich viele identifizieren können, die dem Fahrradfahren im Alltag ein Gesicht geben! Promis, die lieber auf einem Rennrad oder Mountainbike sitzen als in einem Tourenwagen über den Nürburgring zu brettern.

Und das Land braucht coole Fahrradmarken!

Fahrradmarken mit Seele, mit Tradition, mit Leidenschaft, mit Sex-Appeal, mit Charakter – und nicht nur für einen kleinen Kreis von Insidern.

Was sind für euch die attraktivsten, die geilsten, coolsten, hippsten Fahrradmarken? Und welches Image verbindet ihr damit?

Und kennt ihr prominente Typen, dir ihr als begeisterte Fahrradfahrer kennt?

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Die guten Ks der aktiven Bewegung

Nachdem ich das letzte Mal, die bösen Ds der passiven Bewegung dran hatte, komme ich nun zu den guten Ks der aktiven Bewegung.

Anständige Bewegung macht knackig, kreativ und klug.

Beginnen wir mit knackig:

Da brauchen wir, glaube ich gar nicht so weit ausholen, das dürfte jedem klar sein. Fangen wir bei den Leuten an, die sich wirklich bewegen: Triathleten. Dafür muss es gar nicht die Ironman-Distanz sein, die für normale Menschen sicherlich jenseits jeder Fortbewegungsrealität ist: 3,5 km (auf Hawai in offenem Wasser), 180 km Radfahren (nicht im Windschatten), 42 km Laufen (Marathon!) Die besten kommen dabei nach etwa 8 Stunden rein, die letzten nach ca. 20 Stunden, nachdem sie dann 1,5 Stunden geschwommen und jeweils etwa 6-8 Stunden Fahrrad gefahren und gelaufen sind.

Diese Extremsportler sehen natürlich entsprechend knackig und weitgehend frei von überflüssigen Fetten aus, wobei sie diese Figur nicht im Wettkampf gewinnen. Der wirkliche Sport wird nämlich in der Vorbereitung betrieben. Eine knappe 40 Stundenwoche Sport sollte dabei drin sein.

Aber natürlich muss man gar nicht so weit gehen, um durch Bewegung knackig zu werden. Wenn man nicht gleichzeitig zu viel isst, reichen schon 3-4 mal die Woche ordentlicher Sport, um deutlich abzunehmen und an Muskeln, die ja als eigentliche Fettverbrenner gelten, zuzulegen. Ja, es gibt sogar Untersuchungen die zeigen, dass allein der regelmäßige Sprint zum Bus zur allgemeinen Fitness beitragen kann.

Natürlich kann man auch Sport im Fitnesstudio machen und dagegen ist prinzipiell auch gar nichts einzuwenden. Keine Gefahr des Regens, nie zu kalt oder zu rutschige Untergründe, dazu nette, oft gut aussehende Mitmenschen, was motivierend sein soll und die Möglichkeit, nachher zu duschen oder vielleicht sogar in eine Sauna zu gehen, was wiederum eine kleine Belohnung für vorherige Strapazen sein kann.

Wo drüber ich mich allerdings in meinem Studio immer gewundert habe, und ich glaube,  dass es kein außergewöhnliches Studio war, war die Anzahl Autos, die immer davor parkten. In den klassischen Stoßzeiten des Fitnessstudios zwischen 18.00 und 21.00 Uhr war die gesamte Parkfläche voll gestellt und auch in der Straße davor war kein Platz mehr frei, so dass nicht wenige der Fitnessbegeisterten mit ihren schicken Stadtwagen häufig erst ein paar Kurven um den Block fahren durften, bevor sie einen Parkplatz fanden. Kaum raus aus dem Auto, musste man sich dann schwer beeilen, um noch einen freien Sattel auf einem der Spinningfahrräder zu bekommen. Und los geht’s – eine Stunde voll auspowern, mental über Berge, runter in Täler, angefeuert vom Trainer und dynamischer Musik. Wer es schon mal ordentlich gemacht hat, weiß, dass man danach fix und fertig ist, so dass die meisten dann auch nur noch schnell unter die Dusche springen, danach das Auto wieder finden und ab nach Hause.

Auf eine sehr wirksame Effektivitätssteigerung des gesamten Fitnesstainings scheint allerdings keiner oder nur sehr wenige gekommen zu sein. Die Anreise zu Fuß oder mit dem Fahrrad! Klar werden nicht wenige den Besuch des Fitnessstudios in ihren berufsbedingten Pendelverkehr einbauen, aber alle?

Nehmen wir an, die Strecke von zu Hause bis zum Studio beträgt 5 km. Dafür benötigt man mit dem Auto in der Stadt und inklusive Parkplatzsuche jeweils 15 Minuten, für die Fahrt mit dem Fahrrad kann man bei ganz entspannter Fahrt vielleicht jeweils 20 Minuten rechnen. Das sind schon wieder ca. 400 Kcal mehr verbrannte Kalorien. Und bei der Rückfahrt vom Studio nach Hause sind es vor allem die Fettreserven, die angegriffen werden. Probier es aus: Du wirst es eindrucksvoll bemerken. Fährst du mit dem Fahrrad zu einem Fitnessstudio (20 min – 150 kcal), dort machst du z.B. 30 Minuten Krafttraining (200 Kcal), anschließend 60 Min Laufbandtraining) und wenn du dann wieder mit dem Fahrrad durch Wind und Wetter nach Hause fährst, wirst du deinen Körper wirklich spüren und merken wie das Fett weggenagt wird.

In diesem Sinne erkennst du ein gutes Studio daran, dass es über keine oder nur wenige Parkplätze verfügt – vielleicht aber an eine U-Bahn-Station angeschlossen ist, damit du noch die Gelegenheit zu einem kleinen Abschlusssprint hast.

Anständig bewegen macht kreativ:

Natürlich ist es ein Privileg einiger weniger, sich bei einer Denkblockade mal eben die Laufschuhe anziehen zu können, und dann loszulaufen, aber es hilft. Man verlässt den Schreibetisch und lässt damit schon räumlich das bisherige Problem hinter sich.

Wenn es raus geht, fühlt man die frische Luft, blickt weiter als bis zur Bürowand, sondern vielleicht über Felder oder Flüsse, man kann den Blick schweifen lassen, nimmt neue Informationen auf, die ganz unbewusst mit der zu lösenden Aufgabe verknüpft werden und so vielleicht neue Lösungsansätze bieten. Man nimmt Gerüche auf und wahr, die stimulieren. Man hört – hoffentlich nicht nur Mortorengeräusche – sondern vielleicht auch Kinderlachen oder Vogelgezwischter.

Durch das Laufen oder Rad fahren wird der Körper jedoch auch beansprucht. Die Beinmuskeln rufen nach Sauerstoff, der generell und vor allem bei Büroarbeit im Gehirn gebraucht wird. Beim Sport wird er nun zumindest teilweise davon abgezogen. Aber warum sollte das kreativ machen? Der Sauerstoffbedarf, und damit die Gehirnaktivität, wird vor allem dort abgezogen, wo er für das Laufen weniger gebraucht. Während die Gehirnaktivität im motorischen Cortex noch benötigt wird, wird sie im frontalen Bereich deutlich heruntergefahren. Dieser frontale Cortex ist vor allem für Kontroll- und Entscheidungsprozesse verantwortlich und hat häufig eine hemmende Funktion.

Für Kreativität kann eine solche Abschaltung der Hemmprozesse jedoch von erheblichem Wert sein, denn sie ermöglicht eine Art Reset. Das Gehirn löst sich von dem häufig durchgreifenden „wir machen es so, weil wir es schon immer so gemacht haben“ und fängt noch mal bei Null an.

Wenn ich einen längeren Dauerlauf mache, kann ich immer verschiedene Stadien des Laufens durchleben. Zunächst das angestrengte Loslaufen, der für mich und ich glaube auch viele andere unangenehmste Teil des Laufs, bei dem der Körper einem signalisiert, dass er nicht will und den es zu überstehen gilt. Es etwas langsamer anzugehen, kann dabei helfen dieses Einlaufen, das gerne 1-2 Kilometer andauern kann, erträglicher zu gestalten. Dann folgt der angenehmste Teil: man kommt in einen Flow, in dem man teilweise gar nicht mehr merkt, was man merkt. Wenn man Glück hat, fallen einem in diesem Zustand die besten Ergebnisse quasi in das entspannte Laufhirn. Denn unbewusst arbeitet das Gehirn, wenn auch auf kleinerer Flamme an dem Problem. Man kann in diesem aktiven Flowzustand, aber auch den kreativen Prozesse versuchen zu forcieren.

Die letzte Phase fällt glücklicherweise weg, wenn man in seiner Wohlfühldistanz und im Wohlfühltempo läuft. Ansonsten muss man noch in den unangenehmen dritten Durchbeißteil, in dem man dann nur noch auf den leider viel zu selten eintreffenden Euphoriezustand hoffen kann.

Anständige Bewegung macht klug:

Leute, die sich anständig bewegen sind die klügeren Menschen.

Das sieht man zum einen natürlich schon daran, dass sie sich anständig bewegen und nicht passiv vom Auto oder Flugzeug.

Läufer und Radfahrer haben im Vergleich zu wenig aktiven Übergewichtigen aber auch eine deutlich verbesserte Gehirndurchblutung und einen höheren Intelligenz-Quotienten.

Du hast Zweifel, ob das wirklich stimmt? Dann bist du wohl nicht so schlau.

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Die bösen D’s der passiven Bewegung

Autofahren ist bezüglich der Folgen ähnlich  wie Fernsehen, vor allem, aber nicht nur als Beifahrer.

Also: Unanständige Bewegung, die wir im Folgenden der Einfachheit halber einfach mal mit Autofahren gleichsetzen, macht dick, dumm und dösig.

Fangen wir von hinten an: Autofahren macht dösig.

Um zu  sehen, dass das stimmt, muss man sich nur Babies und Kleinkinder im Auto anschauen. Viele Eltern haben die beeindruckende Erfahrung gemacht, dass man ein Baby stundenlang durch die Gegend tragen, das gesamte Schlafliedrepertoire rauf unter runter gesungen haben kann, ohne dass das süße Kleine einschläft. Dock kaum hat man es in den Kindersitz verfrachtet und den Motor gestartet, kann man so gut wie sicher sein, dass das Purzelchen einschläft. Die Tatsache, dass manche Eltern ihre Babies zum Einschlafen mit dem Auto um den Block fahren, wird nur in vertrautem Freundeskreis gestanden.

Und auch für den Fahrer selbst ist eine monotone Autobahnfahrt sicherlich alles andere als vitalisierend. Nicht umsonst wurde ja der Attention Assist erfunden.

Autofahren macht dumm:

Zum Erlernen des Autofahrens ist sicherlich noch eine gewisse Grundintelligenz nötig, eventuell werden sogar neue Gehirnleistungen erlernt, wie z.B. Erkenntnisse über die Rangordnung im Straßenverkehr. Wie überlebenswichtig dieses Wissen über Hierarchien auf der Autobahn ist, wird uns im Alltag oft gar nicht mehr bewusst. Wenn wir auf der linken Spur fahrend einen Porsche, Ferrari oder BWM im Rückspiegel erkennen, gehen wir instinktiv rüber auf die rechte Spur. Für Touristen, die das erste Mal in Deutschland sind, sieht das anders aus. Auf Autobahnparkplätzen kann man immer wieder Schweiß gebadete Ausländer sehen, die beim ersten Trip auf Deutschlands Autobahnen der grenzenlosen Geschwindigkeit diese Hierarchien im Crashkurs lernen müssen.

Doch sehr bald ist Autofahren generell doch eine eher langweilige Gehirnroutine, die einen so wenig fordert, dass man nach einer stundenlangen Fahrt über die Autobahn überhaupt nicht mehr weiß, was man die letzten 5 Stunden getan hat.

Die Mehrheit der Autofahrer hört während der Fahrt Radio, und man kann wohl kaum behaupten, dass man durch das Hören der „besten Hits der 80er, 90er und von heute“ intelligenter würde. Klar, könnte man auch die Sprachprogramme der Öffentlich-Rechtlichen Sender hören, aber das macht ja wohl nur eine Minderheit. Es ist es halt ähnlich wie mit dem Fernsehen. Das Fernsehen könnte den Menschen intelligenter machen, doch der Mensch entscheidet sich lieber dafür sich verblöden zu lassen.

Ein weiterer Punkt, der zur Verdummung der Autofahrer beiträgt, ist der technische Fortschritt. Man denke nur an Einparkhilfen oder Navigationsgeräte: Vor ihrer Erfindung wurden bei der Routensuche gerade Geschlechterdefizite aufgearbeitet. Während Frauen lernten sich zu orientieren, wurden Männer ermuntert mit Fremden zu sprechen, männlichen Eigensinn zu überwinden und nach Hilfe zu fragen. Und wenn Mann und Frau  als Paar zusammen unterwegs waren, konnten sie bei der Routendiskussion direkt ihre Paar-Interaktion optimieren.

Autofahren macht dick.

Nein, natürlich nicht zwangsläufig, aber doch leicht erkennbar. Auf einer Stundenfahrt auf der Autobahn werden etwa 100 Kilometer zurückgelegt. Dabei verbrennt der Körper etwa 40 Kcal.

Hätte der Mensch die 100 Kilometer sportlich Rad fahrend zurückgelegt, kann man von einem Kalorienverbrauch von ca. 4000 Kcal ausgehen (in 3-6 Stunden).

Hätte der Mensch die 100 Kilometer laufend zurückgelegt, kann man von einem Kalorienverbrauch von ca. 8000 Kcal ausgehen (in ca. 8-12 Stunden).

Ich denke, jeder von uns hat eine klare Vorstellung davon, wie der Mensch, der die Autofahrt präferiert, im Vergleich zum Radfahrer oder Läufer aussieht, der die gleiche Strecke zurücklegt.

Ich weiß, was du jetzt sagen willst: wer läuft denn schon mal eben 100 Kilometer bzw. fährt 100 Kilometer Fahrrad? Ich sag: warum eigentlich nicht? Eigentlich ist der Mensch – mehr oder weniger – dafür gemacht. Einen Steinzeitjäger mit 30 kg Übergewicht kann ich mir da wesentlich schlechter vorstellen.

So das waren meine bösen D’s der passiven Bewegung. Welche bösen D’s oder G’s oder was auch immer fallen euch noch ein?

Wie siehst du die Welt?

Als Kind habe ich das immer gerne gemacht, wenn die Autofahrten gar nicht aufhören wollten. Den Kopf zur Seite gedreht und mit starren Augen einfach aus dem Seitenfester geschaut. Wenn dann das Auto mit mehr als 100 Stundenkilometern an dem Seitenstreifen vorbeirauscht, sieht man nur noch einen Brei, einen Einheitsbrei. Wenn man den Kopf nicht bewegt und versucht ein nahes Ziel am Straßenrand zu fixieren, ist es unmöglich irgendetwas zu erkennen. Alles schwimmt vorbei, die Farben und Schattierungen ändern sich, aber ob es Bäume sind, eine Hecke oder gerade eine Häuserwand, ist in dieser Haltung nicht zu erkennen.

Bist du schon mal geflogen? Welche Fragen sagst du wahrscheinlich, natürlich. Nicht wenige werden sagen, ja, das mache ich jede Woche. Gut, ich stelle die Frage nur, weil ich es als Kind nicht kannte. Meinen ersten Flug mit einem Flugzeug habe ich gemacht, als ich etwa 20 war. Und ich denke, vielen meiner Generation wird es ähnlich ergangen sein. In den 70ern war Fliegen noch etwas Elitäres und erst danach, und mit den Billigfliegern sowieso, wurde es zum Massenfortbewegungsmittel.

Heute wird man dagegen häufig als Depp und Geldverschwender angesehen, wenn man anders reist, nicht mal eben nach London fliegt (um dort statt in München, Hamburg oder Bochum zu H&M und Starbucks zu gehen) oder auf die Kanaren, die manchmal günstiger sind als eine Reise an die deutsche Nordsee, oder eine dreistündige Bahnfahrt einem Flug vorzieht (weil wir der Bahn mal glauben wollen, dass sie wenigstens etwas umweltfreundlicher ist).

Obwohl oder vielleicht auch gerade weil ich erwachsen war, als ich meine ersten Flüge machte, haben diese ersten Flüge eine große Faszination auf mich ausgeübt. Ein Gefühl der Erhabenheit stellte sich ein, wenn man endlich abhob, ein Gefühl von Macht und Überlegenheit, dass man es wagte, sich vom Boden abzuheben.

Der Blick aus dem Fenster hinaus – und der Fensterplatz war ein absolutes Privileg, um dass ich mich gerne stritt – bot dann, falls es nicht zu wolkig war, einen wahrlich göttlichen Blick herunter auf  meine Welt. Da ich recht nah zum Flughafen lebte, waren Ausflug- und Einflugschneise in meinem bekannten Bereich.

Doch wie schwierig ist es, sich beim Blick von oben auf die kleine Spielzeugwelt zurecht zu finden. Zwar sieht alles von oben toll aus, doch es ist kaum zuzuordnen und zu erkennen. Vor allem bei der Landung fällt mir das auf. Hast du schon mal versucht sich, dich von oben aus dem Flugzeug heraus zu orientieren, wo du gerade bist? Wenn ich Düsseldorf anfliege, was mein Heimatflughafen ist, um den herum ich aber nun wirklich locker mindestens 50 km in jede Himmelsrichtung kenne, brauche ich mehrere Minuten um mich zurecht zu finden und bleibe unsicher, wenn ich nicht die Anflugrichtung – Ost oder West – genau kenne. Ist der See unter mir ein Baggerloch bei Dormagen oder vielleicht doch der Baldeneysee in Essen?

Ich muss zugeben, natürlich fliege ich sehr selten, aber müsste man es nicht trotzdem erkennen können, wo man ist, wenn man sich eigentlich so gut dort auskennt?

Was ich sagen will, wer fliegt, verliert den Bezug zur wahren Welt. Man hebt ab. Man entfernt sich von der Welt. Die Welt, die Heimat wird klein und immer kleiner. Und unwichtig. Man lässt sie unter sich und hinter sich.

Wie singt Reinhard Mey doch:

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Alle Ängste, alle Sorgen sagt man

Blieben darunter verborgen und dann

Würde was uns groß und wichtig erscheint,

plötzlich nichtig und klein.

 

Hört sich ja toll an und ist es ja auch. Freiheit über den Wolken. Perspektivenwechsel. Alltagsflucht. Schwerelosigkeit.

Es hat allerdings auch eine Kehrseite. Es wird uns wirklich egal, was die Erde unter uns, die armen kleinen Menschen unter uns so treiben. Den Flugpassagieren ist es egal, dass sie mit ihrem Fluglärm Tausende stören und häufig um ihren Schlaf und ihre Ruhe bringen. Den meisten Flugpassagieren ist es egal, dass sie ganz erheblich zum Klimawandel beitragen. Leute, die bei atmosfair ihre CO-Emissionen kompensieren, ernten im Freundeskreis ein spöttisches Lächeln, das eine Mischung aus Irritation und Zweifel an der geistigen Zurechnungsfähigkeit des Gegenübers ausdrückt.

Die meisten Flugpassagiere sind frei von solchen Selbstzweifeln der CO2-Ablass-Jünger. Sie sind erhaben. Sie beherrschen die Elemente. Sie heben ab.

Sie haben den Bezug zu ihrer Welt und ihrer Heimat verloren. Eine Stunde nach Abflug sind sie 1000 Kilometer entfernt, nach etwas längeren Flügen auf einem ganz anderen Kontinent. Ich denke, es gibt inzwischen viele Menschen, die kennen die Clubs am Ballermann besser als die Discos in ihrer Stadt.

Doch es besteht die Gefahr, dass alles oberflächlich bleibt, alles ein einziger globaler Brei.

Wir kennen unsere Heimat nicht mehr, nicht mehr die schönsten Ecken direkt um die Ecke.

Wenn man Natur, die Welt wirklich erfahren will, kann man nicht mit dem Porsche über die Autobahn rasen oder mit dem Geländewagen über einen Forstweg brettern, und schon gar nicht mit dem Flieger darüber hinweg fliegen.

Man muss sie durchwandern oder mit dem Fahrrad durchfahren. Man muss den Wind spüren, die Gerüche wahrnehmen, den Blick auf Kleinigkeiten lenken – den Schmetterling in seinem scheinbar chaotischen Flug (und nicht auf der Windschutzscheibe klebend), die Blume am Wegesrand, die Ameisenhügel, kunstvolle Pilzformationen, die Gesichter in alten Baumrinden.

Hört sich kitschig an? Ist es auch – kitschig schön.

Dann wird aus dem Einheitsbrei ein köstliches Menü mit vielen unterschiedlichen Zutaten, das wir mit allen Sinnen genießen können.

Unsere Bewegung bestimmt, wie wir unsere Welt wahrnehmen. Wir sollten ihr eine faire Chance geben, sie zu sehen.

Und nicht nur von oben herab.

Schluss mit lustig

Ich fahre gerne Auto. Wirklich. Naja, zumindest manchmal. Besonders gerne fahre ich mit dem Auto in Urlaub. Den Kofferraum voll laden, Brote schmieren, Kaffeekanne auffüllen und los geht’s. Man hat gut Laune, schaltet das Radio an, schiebt vielleicht eine Hör-CD rein, neben sich die Menschen, die man liebt. Das ist ein schon ein fast unschlagbar tolles Gefühl mit hohem Suchtpotenzial. In den Urlaub könnte ich mit dem Auto fast jeden Tag fahren.

Allerdings nicht unbedingt in der Ferienzeit an den ominösen Wochenenden, wenn in NRW und anderen bevölkerungsstarken Bundesländern gleichzeitig die Schulferien beginnen und man in den Autobahnübersichten des ADAC die staufreien Autobahnabschnitte suchen muss. Dann fahre ich gerne mitten in der Nacht los, was den Fahrspaß schon erheblich einschränken kann. Natürlich landet man dann doch irgendwann im Stau, meistens sogar mitten in der Nacht.

„Freude am Fahren“ heisst der Slogan von BMW. Und das hört sich gut an. Und es kennt ja auch jeder. Und es kennt auch jeder die passende Werbung dazu. Gern genommen wird ein sportliches Auto oder ein kleiner Geländewagen, der durch eine Wüste fährt und hinter sich eine beeindruckende Staubwolke herzieht oder durch einen einsamen Waldweg brettert und Elchen und Wölfen die Augen verdreht. Das ist Fahrspaß, das ist Freiheit, das ist Selbstverwirklichung. Dass schon das Drehen dieses Spots für die Wüste eine ökologische Katastrophe sein kann, sieht man nicht.

Doch wo können wir in Deutschland nach solch Fahrspaß erleben? Etwa 50 Millionen Autos gibt es in Deutschland. 50.000.000 Autos. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich die Hälfte davon sehe, wenn ich an einem Montagmorgen nach Köln oder Düsseldorf hineinfahren will. Berufsbedingt hatte ich viele Jahre diese Freude. Ich denke, man muss kurz nach Mitternacht losfahren, um vor dem Stau durchzukommen oder gegen Mittag, um nach dem Morgenstau durchzukommen, aber Achtung, nicht zu spät, sonst erwartet einen schon wieder der Abendstau.

Baustellen und Unfälle sind dann die Krönung, die einem unvergessliche Stunden Blech an Blech bescheren können. Zu früheren Zeiten konnte man bei dem Blick aus dem Fenster zumindest noch in die Karossen der Mitfahrer blicken, ein bisschen Voyeur spielen oder einen kleinen Flirt beginnen. Mit dem immer stärker zunehmenden LKW-Verkehr sieht man bei dem Blick aus dem Seitenfenster jedoch zumeist nur noch auf riesige LKW-Räder oder die Beschriftung eines Containers.

Um noch mal auf den Urlaub zurück zu kommen. Theoretisch ist es ja z.B. auch ganz schön in den Ferien mit dem Auto über Rügen oder Sylt zu fahren, oder einmal um den Gardasee oder auf Mallorca. Herrliche Aussichten, offene Autos, gut aussehende, luftig gekleidete Menschen. So weit die Theorie. Die Praxis ist allerdings eher ein Stoßstange an Stoßstange fahren. Ist man dann nach Stunden am Ziel angekommen, beginnt die Suche nach einem Parkplatz, doch bei Tausenden von parkenden Autos, ist eine Lücke schwer zu finden. Auch schon mal probiert, einen legalen Parkplatz in Strandnähe an der holländischen Küste zu finden? Oder waren Sie so leichtsinnig, keinen ausgewiesenen Parkplatz zu finden. Dann kennen Sie ja bestimmt die holländischen Krallen.

Nein, Fahrspaß kann es nur mit weniger Autos geben. Das ist doch allen klar.

Also Herr Nachbar, aufs Auto verzichten!
Hallo, aufs Auto verzichten, weniger fahren!

Doch der Nachbar, also der gemeine Mitmensch sieht das leider nicht so recht ein. Er sagt, ich solle doch anfangen, mit gutem Beispiel vorangehen.

Was, ich soll erst mal anfangen? Warum ich? Wenn ich kein Auto mehr fahre, habe ich ja gar keinen Fahrspaß mehr.

Dafür ich umso mehr, entgegnet der Nachbar.

Aber sie haben doch sogar zwei Autos, erwidere ich und will mein eigenes, kleines Auto doch nur verteidigen.

Ja, aber das eine ist doch ein Kombi, das brauche er für die Familie und das andere ist ja ein Cabrio, das brauche er für den Sommer.

Und so ergibt sich ein klassisches Dilemma, für das die Spieltheorie entwickelt wurde. Denn die Spieltheorien kennen den Menschen und der ist in der Regel, also in der Masse an seinem eigenen Vorteil interessiert. Der Verzicht auf das eigene Auto oder zumindest eine verminderte Autonutzung spielt eindeutig dem Spielgegner in die Hände, der dann die Freude am Fahren hat, die ich nicht habe.

So weit, so schlecht, so ungerecht. Als fahre ich schon mal weiter, da habe ich zwar immer noch keinen Fahrspaß, aber er zumindest auch nicht.

Was wir lernen ist, Auto fahren ist ein Egoismus-Verstärker par excellence. Mit dem Auto erstreite ich mir meinen Platz in der Welt. Und je größer und schwer mein Auto ist, desto gewaltiger ist mein Platz in der Welt. Ich bin in meinem Leben noch keinen Hummer gefahren, aber ich denke, dass sich der Fahrer eines solchen Gefährts rein kräftemäßig einem Roller- oder Fahrradfahrer, wenn er ihn denn überhaupt sieht, schon überlegen fühlen dürfte.

Wie sagt es der Kabarettist Philipp Weber so schön: „Das Auto ist für den Deutschen immer noch das, was für den Pavian der Hintern ist. Haste den größten, der am meisten stinkt, biste der Chef.“