Wie siehst du die Welt?

Als Kind habe ich das immer gerne gemacht, wenn die Autofahrten gar nicht aufhören wollten. Den Kopf zur Seite gedreht und mit starren Augen einfach aus dem Seitenfester geschaut. Wenn dann das Auto mit mehr als 100 Stundenkilometern an dem Seitenstreifen vorbeirauscht, sieht man nur noch einen Brei, einen Einheitsbrei. Wenn man den Kopf nicht bewegt und versucht ein nahes Ziel am Straßenrand zu fixieren, ist es unmöglich irgendetwas zu erkennen. Alles schwimmt vorbei, die Farben und Schattierungen ändern sich, aber ob es Bäume sind, eine Hecke oder gerade eine Häuserwand, ist in dieser Haltung nicht zu erkennen.

Bist du schon mal geflogen? Welche Fragen sagst du wahrscheinlich, natürlich. Nicht wenige werden sagen, ja, das mache ich jede Woche. Gut, ich stelle die Frage nur, weil ich es als Kind nicht kannte. Meinen ersten Flug mit einem Flugzeug habe ich gemacht, als ich etwa 20 war. Und ich denke, vielen meiner Generation wird es ähnlich ergangen sein. In den 70ern war Fliegen noch etwas Elitäres und erst danach, und mit den Billigfliegern sowieso, wurde es zum Massenfortbewegungsmittel.

Heute wird man dagegen häufig als Depp und Geldverschwender angesehen, wenn man anders reist, nicht mal eben nach London fliegt (um dort statt in München, Hamburg oder Bochum zu H&M und Starbucks zu gehen) oder auf die Kanaren, die manchmal günstiger sind als eine Reise an die deutsche Nordsee, oder eine dreistündige Bahnfahrt einem Flug vorzieht (weil wir der Bahn mal glauben wollen, dass sie wenigstens etwas umweltfreundlicher ist).

Obwohl oder vielleicht auch gerade weil ich erwachsen war, als ich meine ersten Flüge machte, haben diese ersten Flüge eine große Faszination auf mich ausgeübt. Ein Gefühl der Erhabenheit stellte sich ein, wenn man endlich abhob, ein Gefühl von Macht und Überlegenheit, dass man es wagte, sich vom Boden abzuheben.

Der Blick aus dem Fenster hinaus – und der Fensterplatz war ein absolutes Privileg, um dass ich mich gerne stritt – bot dann, falls es nicht zu wolkig war, einen wahrlich göttlichen Blick herunter auf  meine Welt. Da ich recht nah zum Flughafen lebte, waren Ausflug- und Einflugschneise in meinem bekannten Bereich.

Doch wie schwierig ist es, sich beim Blick von oben auf die kleine Spielzeugwelt zurecht zu finden. Zwar sieht alles von oben toll aus, doch es ist kaum zuzuordnen und zu erkennen. Vor allem bei der Landung fällt mir das auf. Hast du schon mal versucht sich, dich von oben aus dem Flugzeug heraus zu orientieren, wo du gerade bist? Wenn ich Düsseldorf anfliege, was mein Heimatflughafen ist, um den herum ich aber nun wirklich locker mindestens 50 km in jede Himmelsrichtung kenne, brauche ich mehrere Minuten um mich zurecht zu finden und bleibe unsicher, wenn ich nicht die Anflugrichtung – Ost oder West – genau kenne. Ist der See unter mir ein Baggerloch bei Dormagen oder vielleicht doch der Baldeneysee in Essen?

Ich muss zugeben, natürlich fliege ich sehr selten, aber müsste man es nicht trotzdem erkennen können, wo man ist, wenn man sich eigentlich so gut dort auskennt?

Was ich sagen will, wer fliegt, verliert den Bezug zur wahren Welt. Man hebt ab. Man entfernt sich von der Welt. Die Welt, die Heimat wird klein und immer kleiner. Und unwichtig. Man lässt sie unter sich und hinter sich.

Wie singt Reinhard Mey doch:

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Alle Ängste, alle Sorgen sagt man

Blieben darunter verborgen und dann

Würde was uns groß und wichtig erscheint,

plötzlich nichtig und klein.

 

Hört sich ja toll an und ist es ja auch. Freiheit über den Wolken. Perspektivenwechsel. Alltagsflucht. Schwerelosigkeit.

Es hat allerdings auch eine Kehrseite. Es wird uns wirklich egal, was die Erde unter uns, die armen kleinen Menschen unter uns so treiben. Den Flugpassagieren ist es egal, dass sie mit ihrem Fluglärm Tausende stören und häufig um ihren Schlaf und ihre Ruhe bringen. Den meisten Flugpassagieren ist es egal, dass sie ganz erheblich zum Klimawandel beitragen. Leute, die bei atmosfair ihre CO-Emissionen kompensieren, ernten im Freundeskreis ein spöttisches Lächeln, das eine Mischung aus Irritation und Zweifel an der geistigen Zurechnungsfähigkeit des Gegenübers ausdrückt.

Die meisten Flugpassagiere sind frei von solchen Selbstzweifeln der CO2-Ablass-Jünger. Sie sind erhaben. Sie beherrschen die Elemente. Sie heben ab.

Sie haben den Bezug zu ihrer Welt und ihrer Heimat verloren. Eine Stunde nach Abflug sind sie 1000 Kilometer entfernt, nach etwas längeren Flügen auf einem ganz anderen Kontinent. Ich denke, es gibt inzwischen viele Menschen, die kennen die Clubs am Ballermann besser als die Discos in ihrer Stadt.

Doch es besteht die Gefahr, dass alles oberflächlich bleibt, alles ein einziger globaler Brei.

Wir kennen unsere Heimat nicht mehr, nicht mehr die schönsten Ecken direkt um die Ecke.

Wenn man Natur, die Welt wirklich erfahren will, kann man nicht mit dem Porsche über die Autobahn rasen oder mit dem Geländewagen über einen Forstweg brettern, und schon gar nicht mit dem Flieger darüber hinweg fliegen.

Man muss sie durchwandern oder mit dem Fahrrad durchfahren. Man muss den Wind spüren, die Gerüche wahrnehmen, den Blick auf Kleinigkeiten lenken – den Schmetterling in seinem scheinbar chaotischen Flug (und nicht auf der Windschutzscheibe klebend), die Blume am Wegesrand, die Ameisenhügel, kunstvolle Pilzformationen, die Gesichter in alten Baumrinden.

Hört sich kitschig an? Ist es auch – kitschig schön.

Dann wird aus dem Einheitsbrei ein köstliches Menü mit vielen unterschiedlichen Zutaten, das wir mit allen Sinnen genießen können.

Unsere Bewegung bestimmt, wie wir unsere Welt wahrnehmen. Wir sollten ihr eine faire Chance geben, sie zu sehen.

Und nicht nur von oben herab.

Advertisements

3 Gedanken zu „Wie siehst du die Welt?

  1. do normal sagt:

    Ein schöner Beitrag, die Gedanken gefallen mir! Danke!

  2. Fabian sagt:

    Mit dem Fliegen ist es so eine Sache. Das Erhabenheitsgefühl, die Weite beim Blick aus dem Fenster, die Ehrfurcht vor der Kraft der Strahltriebwerke – das kenne ich alles sehr gut. Andererseits ist man währenddessen in einer Art Schuhkarton eingesperrt, isst ekliges Essen und hat dicht hinter-, vor- und neben sich Mitpassagiere, die im Fall mangelnder Höflichkeit durchaus nerven können.

    Klar, wenn man es sich leisten kann, erster Klasse zu fliegen, treten diese Probleme nicht so auf.

    Geistig habe ich das Fahrradfahren in der Natur durchaus schon mit dem Fliegen kombiniert. Ich bin mit 18/19 ziemlich viel rund um den Bodensee Fahrrad gefahren, und habe mir dabei vorgestellt, das Fahrrad sei ein Raumschiff (quasi noch ein Schritt über das Flugzeug hinaus), und die Wälder, Wiesen, etc. seien Landschaften auf anderen Planeten.

    Das mit dem Treibhauseffekt stimmt natürlich. Flugzeuge sind übelste CO_2-Schleudern. Das ließe sich natürlich beheben, wenn man sie mit Methan oder Wasserstoff antreiben würde, und diese in Kern-/Solar-/Fusionskraftwerken o. ä. herstellen würde.

    Den viel geschmähten Fluglärm finde ich übrigens nicht so störend. Moderne Whisperjets verursachen eigentlich gar nicht so viel Geräusch. Bei einem modernen Flugzeug hört man nur so eine Art Rauschen, auch wenn es in geringer Höhe vorbeizieht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: